Lana Del Rey – Lust For Life


Regelmäßigen Lesern meines Blogs erzähle ich nichts Neues, wenn ich sage, dass Lana Del Rey mich seit diversen Jahren – seit 2011, um genau zu sein – in ihren Bann gezogen hat und seitdem auch zu meiner absoluten Lieblingskünstlerin geworden ist. Ein Rang, den sie bislang mit jedem ihrer nachfolgenden Alben weiter untermauern konnte. Aber wie das so ist, wenn man ganz oben steht – die Fallhöhe ist gewaltig, und so sehe ich einer neuen LDR-Veröffentlichung stets mit einer Mischung aus Vorfreude und Anspannung entgegen.

Nicht anders ging es mir mit «Lust For Life», dem mittlerweile 6. Album der Wahlkalifornierin (wenn man das Indie-Debüt «Lana Del Ray a.k.a. Lizzy Grant» von 2008/2010 und «Paradise» mitzählt). Im Vorfeld gab es viele Informationshappen, mit «Love» eine tolle erste Single und ein retrofuturistisches Space-Video, einen originellen „witchy“ Albumtrailer, diverse interessante Interviews, ein ganz besonders durchgeknalltes Fotoshooting mit David LaChapelle – und dann auch die Info, dass es diverse Gastauftritte geben würde, darunter von A$AP Rocky und The Weeknd, und dass die Grundausrichtung optimistischer, weniger düster und depressiv sei.

Das ließ mich ein wenig befürchten, dass das Werk vielleicht zu kommerziell oder zu poppig werden würde. Doch am Ende der 72 Minuten Spielzeit des 16-Track-Albums konnte ich wieder beruhigt sein, denn Lana hat sich mit LFL quasi selbst übertroffen. Wie schon auf dem Vorgänger «Honeymoon» saß sie mit an den Reglern, und die Produktion, der Sound, die Atmosphäre sind diesmal erneut herausragend – und verstärken noch die traumartige Gesamtstimmung der Musik, die auch bereits auf HM stark in Richtung DreamPop ging. Lanas Stimme schwebt über allem, ist stärker und vielseitiger denn je, und so nimmt sie den Hörer mit auf eine Reise voller emotionaler Höhen und Tiefen.

Klar, wer ihre Stimme nicht mag oder mit ihrer teils betont langsamen, schleppenden, dunklen, melancholischen Musik und ihren mit amerikanischen Archetypen spielenden Texten nichts anfangen kann, wird auch mit diesem Album nicht warm werden. Wer hingegen bereit ist, sich auf ihre ganz spezielle Welt einzulassen, findet hier meines Erachtens einige von Lanas besten Momenten ihrer an Highlights nicht gerade armen Karriere.

Das Album beginnt mit der bereits bekannten Single «Love», und es gibt wohl kaum eine bessere Art, ein Album zu starten – ein spartanischer, gezupfter Bass, dann baut sich langsam die gesamte Atmosphäre auf, und Lana gibt hier einen ersten Hinweis auf das, was noch folgen wird: Nicht nur, wie meist bei ihr, eine persönliche Introspektion, sondern auch ein Blick auf gesellschaftliche Themen.

Als nächstes folgt der Titeltrack mit The Weeknd, mit dem sie auch seit vielen Jahren befreundet ist. Für mich ist das eines der schwächeren Lieder, das zwar teilweise sehr stimmungsvolle „Wall of sound“-Elemente hat, aber die Stimme von The Weeknd und der Refrain sind für mich eher ein Minuspunkt.

Entschädigt wird der Hörer dann aber sogleich mit meinem persönlichen Highlight – «13 Beaches», einem ihrer vielleicht tollsten Lieder überhaupt. Zuerst dezente Streicher, dann ein verzerrtes Sample aus dem Horrorfilm «Carnival of Souls», und anschließen ein an Intensität immer weiter zunehmendes melodisches Feuerwerk. Gleichzeitig traurig wie auch unterschwellig zornig.

Weiter geht es mit «Cherry» (das durch die eingestreuten „bitch!“- und „fuck!“-Ausrufe besticht ;-) und «White mustang» (dem kürzesten Track auf dem Album), mit denen wir mitten im TripHop/HipHop-Bereich des Albums angelangt sind. Die beiden Songs mit A$AP Rocky bieten stark Beatlastiges (vor allem «Summer bummer» ist nicht so ganz mein Fall) und gehen mit «In My Feelings» in eine Abrechnung mit Lanas „Loser“-Liebhabern über.

Als Bindeglied zwischen dieser ersten, modernen Albumhälfte und der „klassischen“, folkigeren, Flower-Power-haften zweiten dient dann «Coachella – Woodstock in my mind», denn hier kommen der Rückblick auf Vergangenes und der Ausblick auf zukünftige Entwicklungen zusammen. Das Lied wirkt, für sich allein genommen, evtl. etwas blass, aber im Rahmen des Narrativs des Albums ist es letztlich essentiell. Überhaupt kann man LFL durchaus als Konzeptalbum bezeichnen, zumal in einzelnen Liedern immer mal wieder Textzeilen anderer Songs aufgegriffen und fortgeführt werden.

Denn tatsächlich nimmt Lana (wie schon im Albumtrailer) auch Stellung zu der politischen Entwicklung weltweit und insbesondere in den U.S.A. seit Trump dort an der Macht ist. In «God Bless America – And all the beautiful women in it» hören wir im Refrain Schüsse, und «When the world was at war we kept dancing» fragt sie „Is it the end of an era? Is it the end of America?“. Musikalisch sind beide Lieder klasse und ersteres sogar fast schon flott.

Auch das Duett mit Stevie Nicks von Fleetwood Mac – «Beautiful People Beautiful Problems» (ein schönes Beispiel für Lanas augenzwinkernden Humor, der sich auch immer wieder auf ihren Alben findet) – knüpft nahtlos daran an und setzt die unfassbar starke zweite Häfte des Albums fort. Die Kollaboration mit Sean Ono Lennon ist der vielleicht entspanntest klingende Moment der ganzen Scheibe – zu Beatles-esken Gitarrenakkorden singen die beiden mit ihren erstaunlich gut harmonierenden Stimmen.

Dies leitet dann über zum großen Finale – wohl dem Künstler, der ein Album mit drei solch epischen Songs abschließen kann! «Heroin» dürfte eines der textlich düstersten Lana-Lieder überhaupt sein („Something 'bout this weather / Made these kids go crazy / It's hot / Even for February / Something 'bout this sun / Has made these kids get scary / Oh, writing in blood on my walls and shit / Like Oh, oh my god / Tripping off from the walls into the darks and shit“).

In «Change», in dem sie nur von Klavier begleitet singt, und dem grandiosen Schlusspunkt «Get free» (das sich melodisch teilweise an Radioheads «Creep» anlehnt) wird es dann etwas hoffnungsvoller, und mit für Lana-Verhältnisse ungewohnt relaxten Möwen- und Meeresgeräuschen endet dieser 72minütige Trip in eine andere Welt.
 
Es ist sicher kein Zufall, dass Lana vor Veröffentlichung des Albums eine handgeschriebene Tracklist auf Twitter veröffentlichte, bei der als Titel zunächst „Lost for Life“ stand und das o durchgestrichen und durch ein u ersetzt wurde, denn entgegen den in manchen Medien zu lesenden Berichten ist «Lust For Life» kein wirklich optimistisches oder gar fröhliches Album, aber es lässt mehr Lichstrahlen ins Dunkel als die beiden Vorgänger. Nachdem sie in der Vergangenheit immer wieder mit Depressionen, Alkohol-Problemen und toxischen Beziehungen zu kämpfen hatte (was sich natürlich auch in ihrer Musik niederschlug), scheint sie nun, was man so von ihr liest, seit 1, 2 Jahren auf einem positiveren Weg zu sein.

Man darf gespannt sein, wohin dieser Weg sie (und uns als Hörer) noch führen wird – sie schreibt jedenfalls bereits am nächsten Album und hat laut eigener Aussage an die 700 neue Song- und Textideen auf ihrem Handy...

Hier noch ein paar Pressestimmen:

„She has evolved elements of her once disturbing narrative, and her ardent fanbase will detect clear leaps made since her debut. But, in the current climate of laborious genre-hopping and guest vocals on throwaway chart tracks, Del Rey has remained a mystery. She is consistent in her aesthetic, adding zeitgeisty elements to her sound without being dictated by them. And for that reason she exists in a lonesome, luxurious league of her own.“ (The Guardian)

„‘Lust For Life’ is an accomplished piece of art, an antidote to the banal tunes permeating the charts and one of the best albums released this year so far.“ (GQ)

Und ich empfehle diesen gelungenen Artikel + Interview von Pitchfork:
«Life, Liberty and the pursuit of happiness – a conversation with Lana Del Rey»

Sowie dieses Interview mit Rick Nowels, in dem er aus dem Nähkästchen plaudert und erzählt, wie der Songwriting- und Aufnahmeprozess bei Lana so vor sich geht:

https://genius.com/a/songwriter-producer-rick-nowels-explains-how-lana-del-rey-s-lust-for-life-came-together





Prag, Cults


Prag «Es wird anders sein» – tja, ein wenig betrübt war ich schon, als Norah Tschirner vor einer Weile bei der Berliner Band Prag ausstieg. Dass es aber musikalisch auch als Duo dennoch gut weitergeht, beweist die neue Single, die wieder einmal von einem ausgesprochen stilvollen und geschmackssicheren Videoclip begleitet wird. Baroque Pop at its best. Das neue, dritte, Album «Es war nicht so gemeint» erscheint alsbald.



Cults «Offering» – schöne Indie-Elektropop-Musik spielt dieses Duo aus New York, das auch schon mal mit Chvrches verglichen wurde, was ich so allerdings nicht unterstreichen kann, denn Cults haben einen viel organischeren Sound. Das gleichnamige Album kommt übrigens am 6. Oktober raus.

The Royal Landscaping Society, Thea & The Wild


The Royal Landscaping Society «Moon» – Matinée Recordings ist ja bereits seit vielen Jahren ein Garant für gelungene und geschmackvolle Indiepop-/Tweepop-Musik und steht damit ein bisschen in der Tradition von Sarah Rec., bei denen man sich auch (fast) jede Veröffentlichung blind kaufen konnte. Nun gibt es einen neuen Sampler namens «Matinée Idols», auf dem sich auch ein neuer Song der spanischen Band mit dem langen Namen ;-) befindet. Das Quartett aus Sevilla spielt normalerweise beschwingten Gitarrenpop, der auf jeden Fall zum Sommer passt – wenngleich der neue Song fast achon melancholisch daherkommt.


Thea & The Wild «City of Gold» – die norwegische Sängerin Thea Glenton Raknes, die hinter diesem Projekt steckt, hatte ich Euch vor einer Weile schon mal vorgestellt. Und die neue Single ist ein guter Grund, dies erneut zu tun – diesmal hat sie ihren Sound mit leichten Wavegitarren angereichert, womit man mich bekanntlich immer kriegt.

Klimt 1918, Shout Out Louds


Klimt 1918 «Sentimentale Jugend» – holla, das ist mal ein epochales Werk, das die italienischen PostRocker mit diesem Doppelalbum vorlegen. Mit einer Spielzeit von an die 2 Stunden ist es schon eine gewisse Herausforderung für alle, deren Aufmerksamkeitsspanne sich nur noch auf einzelne Songs oder EPs erstreckt. In diesem Fall lohnt sich der Zeitaufwand definitiv, denn mit diesem Konzeptalbum legt Klimt 1918 wirklich ein wunderbar düsteres Shoegaze-/PostRock-Album vor, das natürlich eher in den Winter als den Sommer passt.


Shout Out Louds «Jumbo Jet» – längere Zeit war es ziemlich ruhig um die schwedische Band, die vor gut 10 Jahren mit Songs wie «Please please please» ein nicht wegzudenkender Bestandteil jeder Indiedisco war. Soundmäßig gereift, aber dennoch nach wie vor unterhaltsam nun die neue Single.

The Mynabirds, Roxiny


The Mynabirds «Coccoon» – Laura Burhenn und ihr Indiepop-Projekt The Mynabirds gehen in die nächste Runde. Mit der neuen Single «Coccoon» von der just erschienenen neuen EP «Be here now» (die zum neuen Album hinleitet) bleibt sie ihrem Stil des leicht melancholisch-atmosphärischen, verspielten, poppigen Sounds treu, geht auf der EP auch mit deutlichem politischem Engagement zu Werke.


 
Roxiny «9 Months» – etwas wuchtiger und auch dunkler kommt der Song der Sängerin Roxiny aus der Dominikanischen Republik daher. Ich höre hier natürlich, wie Blogkollege Nicorola, auch eine Prise Lana Del Rey heraus, vielleicht sogar SoKo und ähnliche in den PostPunk gehende Klänge. Ausgesprochen vielversprechend!

Manchester Orchestra, Orchestral Manoeuvres in the Dark


Manchester Orchestra «The Alien» – nein, bei dieser Band handelt es sich weder um ein Orchester noch stammen die Jungs aus Manchester (sondern auch den USA). Und trotz diseser „doppelten Mogelpackung“ lohnt es sich, ihrer Musik ein Ohr zu leihen. Wie der neuen Single, die mich atmosphärisch auch etwas an Cigarettes After Sex erinnert, allerdings insgesamt etwas flotter. Der Track stammt vom neuen Album «A Black Mile to the Surface».



Orchestral Manoeuvres in the Dark «Isotype» – und gleich noch ein vermeintliches Orchester. Mit ihrer neuen Single kehren OMD zu ihren Anfängen zurück und huldigen Kraftwerk auf fast schon unverschämte Weise. Ich mag sowas natürlich. :-)

Angus & Julia Stone, Kane Strang


Angus & Julia Stone «Snow» – ein Lied mit dem Titel «Snow» im Sommer zu veröffentlichen erscheint aus europäischer Sicht natürlich eine gewisse Prise Ironie zu haben. Wobei das Geschwister-Duo aus Australien kommt, wo die aktuelle Jahreszeit Winter ist, also passt es dann doch wieder. Ebenfalls passt auch die Musik, denn die ist, wie bei den beiden gewohnt, auf hohem Niveau und wieder einmal schmachtiger Indiefolk.



Kane Strang «Oh so you're off I see» – bleiben wir gleich in der südlichen hemisphäre: diese neuseeländische Band klingt irgendwie ein bisschen so, als wäre sie direkt aus den 90ern in die heutige Zeit gebeamt worden. Mir gefällt's!

Emily Haines & The Soft Skeleton, Pale Spectres


Emily Haines & The Soft Skeleton «Fatal Gift» – Die kanadische Sängerin zeigt auf ihrem zunächst als Piano-Ballade daherkommenden, dann aber an Tempo zulegenden Song ihre atmosphärische Seite und bereitet den geneigten Hörer schon mal auf die Veröffentlichung des neuen Albums am 15. September vor. Sehr schön und eindeutig vielversprechend!



Pale Spectres – das Pariser Quartett hat sich schon seit jeher dem guten alten Janglepop verschrieben und könnte mit seiner Musik vermutlich auch auf dem legendären Sarah Rec.-Label vertreten gewesen sein. Die neue, selbstbetitelte 4-Track-EP bietet Twee as Twee can und damit im Grunde genau die richtige Musik für den Sommer.